... ein Beispiel ...
Abgeholt werden, wo ich gerade bin ...
Klein und zierlich sitzt Frau S. mir gegenüber. Ihre Augen werden etwas feucht, als sie über ihre jetzige Situation berichtet. Dem ständigen Kampf gegen die Anforderungen des Alltags, dem übermächtigen Wunsch, alles einfach sein zu lassen, sich fallen zu lassen in diese Müdigkeit, sich von ihr forttragen zu lassen in eine Welt ohne ihre Machtlosigkeit. Wie entfremdet fühle sie sich, wie taub, außer einem starken Druck auf der Brust. Und immer wieder diese Wand, die ständig da zu sein scheint, riesig groß, schwarz und undurchlässig.
Wir haben bereits über ihre persönliches Ressourcen gesprochen und gemeinsam Techniken eingeübt, die gewährleisten sollen, dass Frau S. in jeder Phase der heutigen Sitzung den Kontakt zur Gegenwart, zu ihren erwachsenen Anteilen und zu mir, ihrer Therapeutin behalten und spüren kann.
Sie kennt diese schwarze Wand und die Machtlosigkeit seit sie 10 Jahre alt ist. Damals wurde sie von einem Mann überfallen. Ihre Freundin, mit der sie zusammen war, konnte weglaufen und Hilfe holen. Äußerlich passiert ist ihr wenig, doch die panische Angst, das Gefühl allein gelassen worden zu sein und dass später niemand jemals mit ihr darüber geredet hat – all das hat sich tief in sie eingegraben. So tief, dass ihr jedes Gefühl dazu abhanden gekommen ist und sie immer innerlich weggeht, sobald die Gedanken durch äußere Eindrücke einmal in diese Richtung getrieben werden.
... von da aus einen Schritt weiter gehen,
Fühlbar ist nur der starke Druck auf ihrer Brust, der verbunden ist mit dem Gedanken, unterlegen zu sein und keine Kontrolle zu haben. Beim vorsichtigen Hinspüren tauchen Wut und Trauer auf. Frau S. legt sich auf die Behandlungsliege. Sie behält die Augen auf, um besser mit zu bekommen, was jetzt passiert.
Ich berühre sanft ihren Körper an verschiedenen Stellen über der Kleidung und frage immer wieder, was sie gerade wahrnimmt: den zunehmenden Druck im Brustkorb, ein Taubheitsgefühl in den Beinen, ein Brennen im Rücken. Langsam sammelt sich die Energie im Solarplexus und wird dort zu einer heißen roten Kugel. Es fühlt sich so an, als würde diese rote Energie den Körper in Form von aufsteigenden Bläschen verlassen. Erschöpfung tritt in den Vordergrund und darunter verborgen auch ein Hauch von Hoffnung und Entspannung...
In den Tagen danach wechseln sich starke Wut und Traurigkeit ab, ohne dass Frau S. sagen kann, woher sie kommen. Der Druck im Brustkorb ist verschwunden und auch die schwarze Mauer verliert ihre magische Anziehungskraft.
... und immer weiter, sanft, Schritt für Schritt,
In der nächsten Sitzung stehen die aufgetauchten Gefühle von Wut und Traurigkeit im Vordergrund. Noch ist kein Bezug zu einer Lebenssituation für Frau S. spürbar. Während sie nacheinander an ihre Gefühle denkt, klopfe ich einige Meridianpunkte, um so die Energieblockaden in ihrem Körper, die mit diesen Emotionen verbunden sind auf zu lösen. Am Ende taucht ein Gefühl von angenehmer Dichte und Entspannung auf. Alles fühle sich plötzlich leichter an.
Auch die Tage danach ist Frau S. „ganz ruhig und bei sich“. Erst in der Nacht vor der nächsten Sitzung hat sie einen Alptraum, in dem sie von einem Mann verfolgt wird und sie keine Chance hat, zu entkommen....
Diesen Traum greifen wir als Ausgangssituation für unsere erste EMDR-Sitzung auf. Während sich Frau S. auf den belastendsten Moment des Traumes konzentriert (das Gefühl als sie bemerkt, dass sie völlig allein ist), beginne ich wie abgesprochen, leicht auf ihre Knie zu tippen. Frau S. beobachtet nun die Gefühle, Gedanken, Körperempfindungen und Bilder, die wie von allein in ihr auftauchen. Sie fühlt, wie sie keine Luft mehr bekommt vom schnellen Laufen, sieht Bilder von damals, als der Mann über sie herfallen wollte, spürt ihren Schock, als sie begriff, allein zu sein und glaubte, ihre Freundin hätte sie im Stich gelassen – und gleichzeitig fühlt sie sich in Sicherheit, weiß, dass es alte Erinnerungen sind, die sie gerade an sich vorbeiziehen lassen kann, wie in einem Film, in dem sie einmal mitgespielt hat. Zwischendurch kann sie die Eindrücke auch immer wieder ausblenden und tief durchatmen. Einige davon teilt sie mir mit. Nach ca. 20 Minuten wird die Anspannung deutlich geringer. Immer noch tauchen plötzlich wieder erinnerte Sequenzen der Situation von damals auf, aber die Belastung wird immer weniger intensiv. Und plötzlich sieht sie sich selbst wieder vor sich: als wildes, lebendiges Kind, das das Leben und die Bewegung liebt, so wie sie vor dem Überfall war. Und sie fühlt ihre Leichtigkeit von damals und weint über die verloren geglaubte Gewissheit, dass alles möglich ist...
... in Richtung meines Traumes.
Der Traum von Frau S. war es, wieder voller Energie zu sein, sich endlich einmal zu spüren ohne Angst und Verkrampfung und einfach Gefühle haben, die zu ihrem jetzigen Leben passen - und er ist ein Stück wahrer geworden.
